Kreatives Schreiben Schreiben im Job

Autor_innen im Gespräch 3: Lena Raubaum („Qualle im Tierheim“,“Qualle im Krankenhaus“ und „Die Knotenlöserin“)

Sonja
Geschrieben von Sonja

Wir setzen unsere Interview-Reihe „Autor_innen im Gespräch“ mit Lena Raubaum fort, ihr drittes Kinderbuch „Qualle im Tierheim“ erscheint am 18. Februar 2020.

Lena gewährt uns Einblick in ihre Welt der Wörter und berichtet im Interview u. a. von 

  • den Auswirkungen ihrer Teilnahme am DIXI-Literaturpreis.
  • der häufig gestellten Frage: „Weshalb schreibst du für Kinder?“
  • Fragen, die du dir stellen solltest, wenn du mit deinen Texten ein Kinderherz berühren willst.
  • den 7 Phasen eines kreativen Prozesses.
  • ihrem ersten Besuch auf der Frankfurter (Such-)Buchmesse.
  • der Bedeutung von Feedback und weshalb 1,94 m dabei eine Rolle spielen 😉

Vorstellung:

Mein Name ist Lena Raubaum. Ich erblickte im Mai 1984 als Lena Wiesbauer das Licht eines Kreißsaals in Wien, wo  ich auch heute noch meinen Lebens- und Liebensmittelpunkt habe. In Wien, nicht im Kreißsaal. Beruflich bewege ich mich durch die Welt der Wörter – ich schreibe, spreche in Mikrofone, lese vor, stehe auf Bühnen, leite Schreibwerkstätten für junge Menschen wie zum Beispiel die Schreibakademie Mödling. Darüber hinaus bin ich Teil der fulminanten „Neigungsgruppe Schabernack“ im Atelier Brutstätte in 1170 Wien.

1. Wie ist dein Bezug/Zugang zum Schreiben und wie lange schreibst du schon?

Die Begeisterung für das, was Sprache kann sowie für gute Geschichten begann bei mir als Kind. Eine große Rolle spielten da gewiss meine Eltern, die mein und das Aufwachsen meiner beiden Schwestern mit vollen Bücherregalen, viel Vorlesezeit, Geschichtenerzählen, der Freude an Musik, Hörbüchern, Reisen oder sämtlichen Kulturveranstaltungsbesuchen von Theater bis Museum gespickt haben. Das prägt; dafür bin ich ihnen über beide Ohren und Nasenlöcher dankbar.

 

Wie vorhin schon erwähnt, bin ich in vielen „Rollen“ in der Welt der Wörter unterwegs. Am Schreiben begeistert mich, dass es mich dazu bringt, herauszufinden, was ich eigentlich sagen will. Es hilft, die eigenen Gedanken zu ordnen und zu bremsen, bringt Hirnregungen von der Autobahn in die 30er-Zone. Es ermöglicht, Erlebtes, Gedachtes, Gesagtes oder Empfundenes festzuhalten, loszulassen und manchmal auch anderen zugänglicher zu machen. Es ist ein Weg, dieses Faszinosum namens „Leben“ ein bisschen mehr zu verstehen. Und: ich schreibe einfach gerne. Das ist glaube ich der wichtigste Zugang dazu.

2. Wann hattest du die Idee ein (Kinder-)Buch zu schreiben? Wie kam es dazu?

Nun, mittlerweile habe ich ja mehrere Kinderbücher geschrieben. Zu meinem ersten Bilderbuch „Die Knotenlöserin“ kam es zum Beispiel, weil ich im Jahr 2016 mit dem DIXI Kinderliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Das Wertvolle an diesem Förderpreis ist, dass er nicht mit Geld, sondern mit Wissen und Erfahrung von bereits etablierten Autor*innen oder Illustrator*innen dotiert ist. Das ist spitze, weil man da ganz viele Fragen stellen kann, auf die Google keine Antworten hat! Ich hatte und habe hier das große Glück, von Heinz Janisch als Tutor begleitet zu werden, der ein sehr wertvoller Ratgeber für mich geworden ist.

Bei der Preisverleihung lernte ich diejenige kennen, die damals in der Kategorie „Illustration“ gewann: Clara Frühwirth, eine ganz formidable Künstlerin. Wir taten uns zusammen, beschlossen, ein Bilderbuch zu machen und das zu einer Figur, die mir schon lange Kopf und Herz bewegte: „Die Knotenlöserin“, eine Frau, die durch die Welt zieht und sich der Knoten von Menschen und Tieren annimmt … Ich glaube, ganz viel war hier Fügung: Der Preis, Clara Frühwirth zu treffen, die überaus feine Zusammenarbeit mit dem TYROLIA Verlag und auch die Tatsache, wie dieses Buch jetzt seinen Weg macht.

3. Was gilt es deiner Meinung nach beim Schreiben von Kinderbüchern besonders zu beachten? Stichwort: Unterschiede Schreiben für Erwachsene – Schreiben für Kinder?

 

Ich selbst staune immer wieder so sehr über sämtliche Geschichten und Bilderbuchkunstwerke, die im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur zu finden sind. Darum glaube ich, dass das, was es beim Schreiben von Kinderbüchern besonders zu beachten gilt, das Schreiben und Machen von Kinderbüchern an sich ist. Schließlich sind viel mehr Kinderbücher dieser Welt „auch für Erwachsene“ als umgekehrt. Interessant ist auch dass man viel eher gefragt wird: „Und … wieso schreibst du für Kinder?“ als „Und … wieso schreibst du für Erwachsene?“ Spannend, oder?

Im Schreiben für Kinder braucht es glaube ich viel Feingefühl, Wachsamkeit, die Offenheit, das Leben auch mit einem Kinderherz zu spüren und eine Auseinandersetzung mit Fragen wie diesen:

  • Welche Geschichte will ich in welcher Form wem erzählen
  • Wie alt sind die Menschen für die ich schreibe?
  • Welche Wörter und Themen können sie fordern, welche überfordern, welche langweilen?
  • Wo und wann muss ich im Bilderbuch als Autorin meine Klappe halten, weil die Illustrationen viel mehr schildern?
  • Wie einfach kann ich Komplexität ausdrücken ohne ihm seine Kraft zu nehmen?
  • Wie realistisch und logisch nachvollziehbar ist die von mir erdachte Geschichte?

All das sind Fragen, die mir vor aber auch zwischendurch im Schreibprozess für junge Menschen kommen …

4. Wie legst du den Schreibprozess an?  Hast du einen Buch-Projektplan?

Das kommt darauf an, was ich schreibe. Bei Gedichten, Kurzgeschichten, Songtexten oder Artikeln habe ich meist keinen großen Projektplan, sondern eher eine Idee, die zu Worten, Sätzen, Absätzen, redigierten Absätzen und schließlich einem Text wird, den ich „gut sein lassen kann“.

 

Für meine Romane „Qualle im Krankenhaus“ oder „Qualle im Tierheim“ habe ich mir sehr wohl einen Etappenplan zurechtgelegt, um im Auge zu behalten, wo ich bin, was bis wann fertig sein sollte und so weiter. Wie bei sämtlichen Plänen gilt es jedoch – wie im Leben – situationselastisch zu bleiben und sich Überraschungen hinzugeben. Außerdem ist für mich Recherchearbeit sehr wichtig. So habe ich mich für die beiden Qualle-Bücher ins St. Anna Kinderspital oder in den Wiener Tierschutzverein begeben, habe viel mit Ärzt*innen und Hundehalter*innen gesprochen, Hunden vorgelesen, faszinierende Menschen kennengelernt etc. Das macht mir irrsinnigen Spaß, führt zu wichtigen Blicken über den Tellerrand und macht einfach „weiter“ in Kopf und Herz.

Es gibt da aber auch noch die sieben Phasen vielmehr Gedanken eines kreativen Prozesses, durch die ich bei vielen Schreibprojekten gehe:
1. Das ist super.
2. Oh, das ist gar nicht so leicht, wie ich dachte.
3. Das ist furchtbar.
4. Ich bin furchtbar.
5. Obwohl … das könnte ganz ok sein.
6. Das ist super.
7. Ich bin super.

5. Wie lange hat das Buchprojekt insgesamt gedauert?

Die Frage ist, was gerechnet wird bei „wie lange“. Bei der Knotenlöserin waren es vom Zeitpunkt der Ideenfindung mit Clara Frühwirth bei einem Kaffeeplauscherl in der Sonne beim Grazer Kunsthaus bis hin zum fertigen Buch in etwa eineinhalb Jahre. Bei den Büchern „Qualle im Krankenhaus“ und „Qualle im Tierheim“ dauerte es von dem Moment des „Wie wär’s mit einer Geschichte über …“ bis zur Freude über das fertige Werk mit den besten Qualle-Illustrationen meiner Welt von Sabine Kranz etwa ein Jahr.

6. Deine Bücher sind in unterschiedlichen Verlagen erschienen: dein erstes Buch „Die Knotenlöserin“ im Tyrolia Verlag und deine „Bücher „Qualle im Krankenhaus“ und „Qualle im Tierheim“ bei Obelisk. Wie kam der Kontakt mit den Verlagen zustande und wie verlief die Zusammenarbeit?

Der Kontakt zu den Verlagen kam sicher durch den Rückenwind des bereits erwähnten DIXI Kinderliteraturpreises zustande. Die Zusammenarbeit verlief sehr, sehr gut und hält auch immer noch an, da weitere gemeinsame Buchprojekte im Entstehen sind. Ich bin wirklich dankbar für all die Menschen, mit denen ich hier zusammenwirken kann.

7. Hast du auch über Self-Publishing nachgedacht – wäre es für dich eine Option gewesen?

Ich habe bereits Bücher im Self-Publishing veröffentlicht, insofern: ja.

8. Hast Du ein Korrektorat/Lektorat oder irgendeine Unterstützung bei Deinem Buchprojekt in Anspruch genommen?

Ja. Bei „meinen“ Verlagen arbeitete und arbeite ich wie gesagt mit ganz grandiosen Menschen zusammen; Inge Cevela und Katrin Feiner vom Tyrolia Verlag, Dr. Regina Zwerger vom Obelisk Verlag.  

Bei jeglichen Schreibprozessen (bis auf Tagebucheinträge) hole ich mir gern und viel Feedback, weil ich irgendwann den Text vor lauter Wörtern nicht mehr sehe. Da tut es gut, jemanden von außen zu Rate zu ziehen.

Mein Mann leistet hier übrigens auch vorzügliche Arbeit, weil er ein gutes Gespür hat und genau weiß, wann ich versuche, mich selbst zu überholen oder aus Ungeduld schlampig werde. Er ist mein größter Kritiker. Er ist immerhin 1,94 m 😉

9. Im Rückblick: Gibt es etwas, das du mit deinem Wissen heute, in Bezug auf deine Buchprojekte anders machen würdest? War es einfacher das zweite Buch zu schreiben?

Zur ersten Frage: ich glaube nicht, weil ich ja dann mit Erfahrung erste Schritte gehen würde – und das geht irgendwie nicht. Erste Schritte brauchen wohl hier und da ein Wanken und Schwanken, um Gehen zu lernen. Und zur zweiten Frage: ja, weil ich da einfach schon mehr Selbstvertrauen hatte. Gleichzeitig ist jedes Buch für sich wieder ein Neubeginn und eine Reise für sich …

10. Hast du einen Tipp, worauf Menschen, die schreiben möchten, achten sollen?

 

1. Schreiben.
2. Lesen.
3. Zuhören.
4. Austausch mit Menschen, die schreiben und sinnvolles Feedback geben können.
5. Bewegung – wenn möglich an der frischen Luft.
6. Geduld.
7. Langeweile.
8. Eine Liste wie diese durchaus zu hinterfragen.

11. Du warst 2019 erstmals (als Besucherin?) auf der Frankfurter Buchmesse und hast dir damit einen Traum von vielen Schreibenden erfüllt: Wie war’s? Lohnt sich ein Besuch?

In jedem Fall lohnt sich ein Besuch auf der Frankfurter Buchmesse! Ich nenne sie für mich ja auch liebevoll „Suchmesse“, da man dort immer irgendwas sucht: eine Halle, einen Verlagsstand, das Klo, einen Ort zum Hinsetzen, ein Buch, etwas zu essen, den eigenen Mantel … Doch: wer suchet, der findet und so findet man auf der Frankfurter Buchmesse ganz viel, von dem man vorher vielleicht gar nicht wusste, das man es gesucht hat. Abgesehen davon habe ich in Frankfurt begriffen, wie riiiiesig der Buchmarkt ist und welche Zahnräder ineinandergreifen, damit eine Geschichte ihren Weg machen kann.

12. Gibt es ein Schreibseminar, das du empfehlen kannst?

Die Seminare im writer’s studio. Da wird eine ganze Bandbreite an Schreibfortbildung geboten, schließlich gibt es so vieles auf dieser Welt, das geschrieben werden kann, nicht nur Bücher. Für Menschen, die für Kinder schreiben wollen, kann ich das Angebot im Institut für Jugendliteratur wärmstens empfehlen. Darüber hinaus habe ich bei der GEA Akademie einen spitzen Workshop bei der Poetry Slammerin Mieze Medusa besucht. Dieser hat mich auch inspiriert, mich für den DIXI Kinderliteraturpreis zu bewerben.

13. Gibt es eine Leseempfehlung zum Thema Schreiben von deiner Seite?

  • „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron
  • „Bird by Bird“ von Anne Lamott
  • „On Writing“ von Stephen King
  • „Writing Down the Bones“ von Natalie Goldberg
  • Und all jenen, die im Bereich Kinderliteratur Tipps brauchen, lege ich
    „Die Kinderbuchklinik“ von Karin Haller vom Institut für Jugendliteratur ans Herz!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Links: 

Hier findest Du weitere Infos:

Lena Raubaum
Von Lena Raubaum erschienen und erhältlich:
Die Knotenlöserin, Tyrolia Verlag 2018
Qualle im Krankenhaus, Obelisk Verlag 2019
Qualle im Tierheim, Obelisk Verlag 2020

Bilder zur Verfügung gestellt von Lena Raubaum;  Fotocredit: Reinhard Steiner

Du hast die ersten beiden Folgen unserer Interviewreihe „Autor_innen im Gespräch“ versäumt? Hier kannst du sie nachlesen:

Interview 1: Alexander Greiner: „Als ich dem Tod in die Eier trat“

Interview 2: Klaus Rafenstein: „Der Weg zur exzellenten Führungskraft – Leuchtturm sein!“

Du willst keinen Beitrag versäumen? Wir informieren dich gerne, sobald ein neuer Beitrag online ist: Ja, ich will den Blog abonnieren.

Kommentar hinterlassen